Piercing
Vorwort
Erläuterungen zum Piercing sind standesrechtlich problematisch, da ein Arzt nach Berufsrecht nur eigene Behandlungen dargestellen soll. Ich selbst führe kein Piercing durch, sehe aber die Komplikationen. Daher möchte ich mit dieser Seite Piercing-Interessierten Informationen geben, bevor sie unüberlegt eine Entscheidung treffen, die sie später bereuen.
Ich führe das Piercing nicht durch, weil ich es nicht schön finde. Als Chirurg im Gesicht sollte man nur das machen, was man sich auch selbst machen lassen würde. Aber über Geschmack kann man streiten! Ich finde es auch nicht richtig, daß jemand, der sich tonnenweise Klunker an das Ohrläppchen hängt, über die Jugend mit ihren Nasenstegen aufregt. Ohrringe sind nun einmal auch eine Form des Piercing, wenn auch die einzige, die sich in unserer Kultur in allen Kreisen etabliert hat.
Geschichte
Piercing ist eine jahrtausendalte Methode der "Körperverzierung". Gerade Würdenträger der ägyptischen und römischen Kultur ließen sich piercen. In unserer Kultur ist das "Ohrenpiercen" selbstverständlich, Das Piercen an anderen Körperteilen war anfänglich meiner Meinung nach aus der ureigenen Eigenschaft jeder jungen Generation - dem Protest und Suche nach neuen Formen - entstanden. In der Zwischenzeit ist das Piercen schon ein allgemeiner Trend geworden, wobei der Protest immer noch eine nicht unbedeutende Rolle spielt.
Formen
In sehe folgende Lokalisationen des Piercing häufig in meiner Praxis: Zungen, Lippen, Augenbraue, Nasenflügel, Ohr
Komplikationen Vorbeugung Maßnahmen
Die häufigste Frühkomplikation, die wir in unserem Fachbereich sehen, ist die Blutung. Häufig sehen wir solche Blutungen im Zusammenhang mit Alkoholkonsum. Dieser ist möglicherweise wiederum eine Folge eines mangelnden Vorrates an Schmerzmitteln. Denkbar ist aber auch, daß man mit Freunden die überstandene Behandlung feiern will.
Die möglichen Komplikationen sind abhängig von dem Ort des Piercens. Besonders heikel ist die Region zwischen den Augen. Hier laufen Gefäße zum Gehirn. Eine Entzündung kann sich hier bis auf die Hirnhaut ausbreiten und einer lebensbedrohlichen Erkrankung führen. Ich habe allerdings weder diese Komplikation noch die beschriebene Schädigung des Augenlids beim unsachgemäßen Piercen gesehen (diese Region ist auch selten) - möchte jedoch sicherheitshalber darauf hinweisen. Häufiger ist das Augenbrauenpiersing im seitlichen Bereich. Sollte jemand die Region zu wenig "cool" sein, dann sollte es klar sein, daß im Bereich von der Mitte zur Nase hin Hautnerven verletzt werden können und dann evtl. Schmerzen bzw. Taubheit an der Stirn auftreten.
Eine heimtückische Komplikation kann das Anschwellen der Zunge nach Zungenpiercing bis zur Verlegung der Atemwege sein. Deshalb legen "Fachleute" zunächst einmal für ca. 2 Wochen längere Kugelstäbe. Sollte der Gepiercte eine plötzliche Schwellung, Druckgefühl der Zunge oder rasche Veränderung der Sprache bemerken, so emfehle ich sofortige (!) Vorstellung in der nächsten Klinik. Fairerweise sollten alle "Piercer" die Patienten, wie es im ärztlichen Recht gefordert wird, über alle typischen Komplikationsmöglichkeiten aufklären. Dazu gehört bei der Zunge auch eine mögliche Geschmacksstörung durch Verletzung des entsprechenden Nerven.
Probleme können aber nicht nur durch unsachgemäßes und unsauberes Durchstechen auftreten.
Auch der Patient ist gefragt:
Besonders in der Einheilphase muß der Gepiercte auf sachgemäßte oder genügende Reinigung achten, die Berührung mit unsauberen Körperteilen verhindern und jeglichen Zug auf die Wunde so weit möglich vermeiden (Reißen, Ziehen, Kleidung).
Zu beachten ist dabei, daß die Einheilphase je nach Ort des Piercing verschieden lang ist. Während Wunden in der Zunge schon meist nach 10 Tagen verheilt erscheinen, dauert die Heilungsphase am Ohr wegen des langsam heilenden Ohrknorpels ein halbes Jahr. Das gilt nicht für das knorpellose Ohrläppchen. Während dieser manchmal langen Phase sollte man nicht ins Schwimmbad gehen, Solarium, Sauna und Leistungssport meiden
Weiterhin können allergische Reaktionen vor allem auf den Bestandteil Nickel im Billigschmuck auftreten. Daher sollte man auf nickelfreie Materialien Wert legen.
Anzeichen einer Entzündung sind Rötung, Schwellung, Schmerzen oder auch gelbliche Absonderungen aus der Wunde (Eiter). Die Behandlung der meisten Komplikationen ist einfach. Ich möchte hier keine Vorschläge zur Selbstbehandlung machen, da die Gefahr besteht, daß durch unsachgemäße Anbehandlung die Entzündung sich ausbreitet. So kann das Entfernen des Ringes aus einer eitrigen Wunde kann sogar zu einer Verschlimmerung führen, da nicht mehr genug Abfluß aus der Wunde vorhanden ist.
Schwierig zu behandeln sind Keloide. Das sind überschießende Narben Die Behandlungen solcher Veränderungen sind oft sowohl für Patient als auch für Behandler frustrierend. Jeder Pierc-willige sollte das vorher wissen. Insbesondere Rothaarige und Hellhäutige sind vermehrt gefährdet. Sollte jemand schon Keloide haben, so ist die Gefahr einer erneuten Bildung stark erhöht. Einschränkend muß man sagen, daß sich diese Keloide im mittleren Drittel des Gesichtes erfahrungsgemäß sehr selten bilden.
Eine weitere seltene aber dann möglicherweise tödliche Komplikation ist ist Infektion mit HIV- und Hepatitisviren. Wirksamen Schutz bietet nur die Sterilisation in einem entsprechenden Sterilisator. Ein Einlegen des Instrumentariums in Alkohol ist unzureichend! Ich warne dringend vor dem Piercen mit Pistolen. Dies wird auch in seriösen Studios nicht durchgeführt. Ein seriöses Studio wird immer über einen Sterilisator verfügen und dem künftigen Kunden die regelmäßige Überprüfung dessen Wirksamkeit über sogenannte Sporentests nachweisen können. Bei diesen Untersuchungen werden hartnäckige Keime im Sterilisator erhitzt und in amtlichen Überprüfungseinrichtungen untersucht, ob bei der Sterilisation wirklich alle Keime restlos abgetötet wurden. Eine Gewißheit bietet das natürlich nicht, denn ein ordnungsgemäß arbeitenden Sterilisator ist keine Gewähr für steriles Arbeiten. Andererseits sollten wir Ärzte nicht so tun, als ob wir die einzigen wären, die steril arbeiten können! So schreibt Stiftung Warentest 6/99 S. 22 nach Untersuchung von 10 Studios "Eine große Gefahr der Übertragung von Viruserkrankungen durch Blut besteht wohl nicht". Man erkennt allerdings an der Wortwahl, daß die Autoren sich hier sehr vorsichtig äußern.
Wo lasse ich mich piercen? Die kurze Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann nie ganz objektiv sein, da sie vor einem Chirurgen geschrieben worden ist
Vorteile des Piercen beim Arzt:
Vorteile des Piercen im Studio:
Tips:
Ich werde mich zurückhalten, Tips zu geben, wo man sich piercen läßt. Als Mund-Kiefer-Gesichtschirurg kann ich, wie gesagt, nicht objektiv sein. Es gibt mit Sicherheit Studios, die über alle Zweifel erhaben sind.
Trotzdem fand ich die Lösung eines bekannten Elternpaars interessant. Diese konnten ihre Tochter nicht vom Piercen abbringen. Schließlich baten sie ihre Tochter, zum Chirurgen zu gehen und zahlten die Differenzsumme zwischen den Preisen des Studios und der Rechnung des Chirurgen. Die Differenz war allerdings gering.
In der Zwischenzeit piercen so viele niedergelassene Chirurgen, daß ich erst einmal bei Ihrem "Haus" Chirurgen nachfragen würde. Auch wenn er kein Piercing durchführt und Sie auch nicht die Absicht haben sich bei einem Arzt piercen zu lassen, so kann er Sie jedoch medizinisch beraten. Vorsicht: Fragen Sie vorher nach den Kosten für die Beratung: diese wird in der Regel nicht über den Krankenschein abzurechnen sein. Kann der "Haus-"Chirurg Ihnen nicht weiterhelfen, so lassen Sie sich die Adressen von den örtlichen Kreisverbänden der Ärztekammern geben. Die schnellste Suchmethode (aber ohne Möglichkeit der Beurteilung) ist sicherlich der Rundruf über die Gelben Seiten des Telefonbuches.
Ich pierce aus den oben genannten Gründen nicht selbst.
Einen Tip möchte ich Eltern jedoch geben: Geben Sie ruhig einen Zuschuß für das beste Material bei dem Erstschmuck, da gerade beim ersten Durchstechen der Haut die unedlen Bestandteile des Metalls über das Blut zur Bildung einer Allergie führen können. Titan oder Platin haben eine sehr niedrige Allergisierungsneigung. Auch angeblich in der Chirurgie verwendete Edelstahllegierungen können Nickel enthalten.
Tätovierte Zähne
Eine neue Moderichtung, die jetzt schon die zahnmedizinischen Fachzeitschriften beschäftigt, ist das Tätovieren von Zähnen. Dabei muß man sich nicht wie früher einen Brillianten in den Zahn einbauen lassen. Es gibt schon jede Menge Aufkleber oder Vorschläge.
http://www.toothart.com/ oder http://www.denticle.com/
Sind Sie an weiteren speziellen Informationen interessiert?
Weitere Inforamtionen gibt zum Thema Hygiene beim Piercen:
Das Bremer Gesundheitsamt
Horner Str. 60/70
28203 Bremen
Links:
Hygiene: http://www.dot-ev.de/
Umfassend aber englisch: http://www.escomo.com/~rab/faqpage.html
In den Internet Suchmaschinen unter dem Stichwort: " body art"
Autor
: Dr. med. univ. Dr. med. dent. Stefan Bertram Mund-Kiefer-Gesichtschirurg Gewerbegasse 5 D-83395 FreilassingÉ
: 0(049) 8654 3061 : : 0(049) 8654 3062
Haben Sie weitere Fragen zu anderen Themen?
http://www.dr-bertram.de/faq.htm