Kiefergelenkserkrankungen
Kiefergelenksprobleme sind häufig funktionelle
Probleme. Das heißt, dass Muskeln, Zähne, die Nerven mit dem Gehirn sowie das Kiefergelenk
nicht richtig zusammenarbeiten.
Die Ursache
liegt häufig nicht da ,wo der Patient den Schmerz empfindet.
Zur Verdeutlichung möchte ich folgendes
Beispiel erwähnen:
Eine etwas zu hohe Füllung hat ein Patient
vielleicht vorher nie bemerkt. In einer Stresssituation kommt es jetzt
plötzlich zur Angewohnheit auf dieser Stelle herumzukauen, vielleicht auch im
unbewussten Glauben, so die störende Stelle abreiben zu können . Die
Angewohnheit wiederum führt zu Veränderungen im Zusammenspiel der Muskulatur
Das Gehirn bemerkt diese Veränderung und
versucht einen Ausgleich möglicherweise über eine Veränderung der Bisslage. Die
veränderte Bisslage führt zu einer neuen Stellung des Kiefergelenkköpfchens in
der Gelenkpfanne. In dieser neuen Stellung kommt es zu übermäßigen Reibungen in
dem sensiblen Organ, die als Schmerz im Kiefergelenk empfunden werden. Da die
Gelenkpfanne direkt am Gehörgang liegt, wird der Schmerz dann im Ohr empfunden
und der Patient sucht den Hals-Nasen-Ohrenarzt auf, obwohl die Ursachen in
anderen Bereichen liegen.
So einfach wie eben geschildert sind die
Zusammenhänge leider meist nicht.
In der deutschen Literatur wird der
fehlerhafte Zusammenbiss der Zähne und Funktionsstörungen der Muskulatur häufig
als Ursachen für Kiefergelenksbeschwerden angegeben. In der nordamerikanischen
Literatur werden psychische Ursachen höher bewertet. Auch ich muss aufgrund
meiner eigenen Erfahrung dem Stressfaktor
einen bedeutenden Einfluss einräumen. Volksweisheiten wie "die Zähne
zusammenbeißen..." sind nicht aus der Luft gegriffen. Im Tierreich ist der
Zusammenhang zwischen Stress und Kauorgan leicht verständlich, denn dort ist
das Kauorgan häufig eine Waffe. Gibt man zum Beispiel Ratten in
Stresssituationen nichts Festes zu zerkauen, so entwickeln sie Magengeschwüre:
Diese fehlten bei Ratten, die Hölzer zum zerkauen bekamen. Diese zeigten
wiederum Störungen im Kauorgan. So gibt es in der Zwischenzeit einige Gelehrte,
die Knirschen und Pressen nicht als krankhaften Zustand ansehen, sondern bei
solchen Patienten empfehlen, "lediglich" das Kauorgan vor den
möglichen Schäden solcher Angewohnheiten zu schützen.
Schließlich sind bei meinem Patientengut
meist mehrere Ursachen beteiligt.
Kleinere Bissstörungen sind bei uns Menschen die Regel und nicht nur eine Folge
von Zahnfäule sondern auch oft erblich bedingt. Die Bissstörungen alleine
machen meist noch keine Probleme im System von Kiefergelenk-Zahn und
Muskulatur. Kommt jetzt aber ein zusätzlicher Reiz wie Stress hinzu, so besteht
die Gefahr, dass der Körper die störenden Faktoren nicht mehr selbst
ausgleichen kann und das System entgleist.
Viele Zusammenhänge sind noch unklar oder
befinden sich im Stadium der wissenschaftlichen Forschung.
So wird zur Zeit über Zusammenhänge mit anderen Erkrankungen wie der "Fibromyalgie",
den Schlafstörungen, Schmerzzuständen und den Einfluss von immer
wiederkehrenden Überbelastungen geforscht. Die Vielfalt der möglichen Ursachen
und ihre gegenseitigen Beeinflussungen macht die Forschung schwierig.
Häufig angegebene Beschwerden
sind: Schmerzen (oft beim Kauen) an den Ohren oder auch in der Schläfe oder der
Wange (Verspannung der Kaumuskulatur), Schwierigkeiten beim Mundöffnen oder
Schließen, Geräusche bis zum manchmal sehr lauten Knacken. Manchmal weist auch
Reiben auf Umbauvorgänge im Kiefergelenk hin. Nicht selten sind auch
Ohrgeräusche Zeichen einer Kiefergelenkserkrankung!
Allerdings kommen manche
Kiefergelenkserscheinungen so häufig vor und haben einen so geringen
Krankheitswert, dass hier eine Behandlung nicht immer sinnvoll ist. Dazu gehört
das schmerzlose Kiefergelenksklicken. Aber Vorsicht, lassen Sie
sicherheitshalber Ihr Klicken abklären, insbesondere dann wenn in der
Vergangenheit auch Schmerzen auftraten.
Problematisch wird es dann, wenn Beschwerden
wieder verschwinden, obwohl die Erkrankung fortschreitet. Ein Beispiel ist die
Kiefergelenksarthrose (Kiefergelenkserkrankung mit Abbau wichtiger Strukuren).
Dies ist zwar keine Angst erregende Erkrankung, da eine Arthrose oft eine
natürliche und leider mit dem Alter oft auftretende Abnutzungserscheinung ist.
Trotzdem sollte das Verschwinden der Schmerzen im Kiefergelenk nicht zu
Unachtsamkeit verleiten.
Der Umfang der Untersuchungsmethoden
richtet sich nach Art, Umfang und Dauer der Erkrankung bis zur Sicherung der
Diagnose (Krankheitsbefundes). Ihr Zahnarzt wird vielleicht für Sie seltsam
anmutende Fragen wie die nach der Arbeitshaltung und Schlafgewohnheiten
stellen. Diese können aber Einfluss auf das Kausystem haben. Dann folgt eine
Untersuchung des Kausystems mit den möglicherweise beteiligten Muskeln des
Kopfes, Halses oder Nackens. Weiterhin besteht noch die Möglichkeit die
Kiefergelenksbewegung beim Kauen über spezielle Geräte außerhalb des Mundes
nachzuahmen und so genau und ohne Störfaktoren zu analysieren. Schließlich
bieten neue Untersuchungsmethoden wie die Kernspintomograhie erweiterte
Möglichkeiten. Hier wird über einen erheblichen apparativen Aufwand die
Körperstruktur ohne Strahlenbelastung in einem Magnetfeld untersucht. Auf diese
Weise kann in der Mehrzahl der Fälle (ca. 80%) festgestellt werden, ob Lage und
Form von wichtigen Strukturen des Kiefergelenks in Ordnung sind. Außerdem kann
man mit speziellen Geräten (Elektromyogramm) noch die Funktion der
Kaumuskulatur überprüfen. Mit Hilfe des Ultraschalls Bild des Hauptkaumuskels im
Ultraschall können Größenveränderungen der
Muskulatur ausgemessen werden. Auf diese Weise kann auch analysiert werden, was
hinter einen fühlbaren Knoten in der Muskulatur steckt.
Bei der Aufzählung der Möglichkeiten moderner
High-Tech Medizin ist aber wichtig, zu betonen, dass ohne die Mitarbeit des
Patienten gar nichts geht!
Oft kann man über eine genaue
Selbstbeobachtung des Patienten (Knirschen, Pressen, häufiges Aufsuchen
extremer Bisssituationen) aufwendige medizinische Untersuchungen vermeiden.
Schließlich bleibt zu betonen, dass die
Untersuchung und Behandlung oft interdisziplinär erfolgt; das heißt, dass
verschiedene Fachbereiche ihre Ergebnisse und Erfahrungen mit einbringen .s u.
Als Beispiel sei das Ohrensausen erwähnt, das zu den am schwersten zu
behandelnden Krankheitserscheinungen dieses Fachbereichs gehört. Gerade hier
wird eine Abklärung durch verschiedene Fachärzte erfolgen.
Das Behandlungsspektrum
bei Kiefergelenksbeschwerden ist weitreichend entsprechend den vielen Ursachen.
Zunächst wird das Kiefergelenk funktionell behandelt. Die entspricht der
Definition einer funktionellen Erkrankung. Nur in wenigen Fällen wird das
Kiefergelenk operativ versorgt. Bei Störungen im Zahnkontakt werden zunächst
Plastikschienen angefertigt. Es handelt sich um dünne durchsichtige
Plastikplatten, die die Form der Zahnreihe nachbilden und im Bissbereich oft
funktionsbedingt dicker sind. Diese Platten sind vergleichbar denen bei der
Zahnregulierung, also herausnehmbar. Nur werden die Platten bei Kindern farbig
gestaltet, während man sie bei Erwachsenen durchsichtig macht. Außerdem fehlen
bei Erwachsenen meist die Drähte der Kinderschienen. In Patientenkreisen
spricht man oft von Knirscherschienen. Wir verwenden lieber den Ausdruck
Relaxierungs- oder Entspannungsschiene. Diese Ausdruckweise spiegelt die
Berücksichtigung des Faktors Stress wieder und läuft parallel mit immer
zierlicheren und einfacher zu tragenden Schienen. Es gibt aber eine Reihe
unterschiedlicher Schienen, die alle ihren speziellen Anwendungsbereich haben.
Der große Vorteil der Schienen ist die
Möglichkeit, die Muskeln des gestörten Funktionssystems zu entspannen und
möglicherweise den Zusammenbiss zu verändern, ohne Zähne beschleifen zu müssen.
Das Beschleifen von Zähnen ist ein nicht rücknehmbarer Schritt, der erst bei
absoluter Sicherheit angewendet wird. So ist die Schiene gerade in der ersten
Therapiephase häufig in Anwendung. Über einen harmonischen Zusammenbiss wird
auch die Muskulatur entspannter und das Kiefergelenkköpfchen mit seiner kleinen
Gelenkscheibe hat es einfacher, sich in eine günstige Position zu schieben.
Erst wenn das Kausystem wieder entspannt ist und man sich sicher ist, dass ein
bestimmter Zahn an den Beschwerden schuld ist, wird dieser beschliffen.
Aber nicht nur die Behandlung des
Zahnkontaktes gehört zum Therapiespektrum. Die verspannte Muskulatur wird über
krankengymnastische Übungen und Massage möglichst mit Anleitung zur
Eigenbehandlung entspannt. Überempfindliche Muskelanteile kann man z.B. durch
Spritzen beruhigen. Wie auch an anderen Stellen im Körper kann Wärme, Rotlicht
und Ultraschall die Durchblutung des Gewebes verbessern und dadurch helfen,
dass langandauernde Muskelverspannungen sich lösen. Kälte mildert wiederum die
Beschwerden bei frischen Entzündungen und kann die Dehnung der Muskulatur
fördern. Über Stimulierung des körpereigenen Morphinsystemes mittels kleiner
Stromreize werden Scherzen verringert, die wiederum Ursache für Verspannungen
sein können.
Bei belastenden Beschwerden werden auch
Medikamente gegeben wie Schmerzmittel und Entzündungshemmer.
Nachdem die Schmerzhöhepunkt überwunden ist,
wird der Patient immer mehr in die Behandlung miteinbezogen, wobei Selbstübungen
trainiert werden.
Frustrierend ist für viele Patienten die
langandauernde Behandlung, die sich oft über Monate erstreckt und dann manchmal
noch durch eine zahnärztliche Anschlussbehandlung verlängert wird. (Erneuerung
von Füllungen, Kronen oder Prothese).
Es ist jedoch notwendig vor der irreversiblen
also nicht rückgängig zu machenden Veränderung der Zahnformen, das Kausystem zu
entspannen und die Ursache genau zu kennen.
Außerdem sollte auch
bei Verdacht auf Erkrankungen aus anderen
Fachbereichen z.B.
diese genau abgeklärt werden.
Schließlich ist die Anleitung zur
Eigenbehandlung wie Entspannungsübungen der Muskulatur heutzutage ein wichtiger
Pfeiler in unserer Therapie.
Wichtig ist auch die Frage, wann eine Kiefergelenkserkrankung behandelt werden soll: Möglichst
bald. Beschwerden, die schon über 6 Monate bestanden sind deutlich
schwerer zu behandeln, als vorher.
Ich gehöre zu einer Arbeitsgruppe der
Universität Innsbruck, die u.a. Ursachen, Erkennung und Behandlung von
Kiefergelenkserkrankungen untersucht. Eine (leider nicht vollständige)
Auflistung unserer Arbeiten finden Sie unter:
Sind Sie an weiteren speziellen
Informationen interessiert? Dann schicken Sie uns bitte eine Nachricht per. ![]()
Oder
Autor:
Dr. med. univ. Dr. med. dent. Stefan Bertram
Mund-Kiefer-Gesichtschirurg Gewerbegasse 5 D-83395 Freilassing
É : 0(049) 8654 3061 : : 0(049) 8654 3062
Haben Sie weitere Fragen zu anderen Themen? http://www.dr-bertram.de/faq.htm
Empfehlenswerte Patienteninformation der Deutschen Gesellschaft für Zahn-Mund-Kieferheilkunde